Inmitten der Verkehrswende - Meilensteine und Herausforderungen

 

Gastbeitrag von Ulrich Jaeger, Mitglied des Vorstands der DSW21
Dortmunder Stadtwerke AG

Hand aufs Herz: Wann sind Sie das letzte Mal mit dem Bus oder mit der Stadtbahn gefahren?

Die Wahl des Verkehrsmittels ist nicht nur eine Frage von Komfort oder Bequemlichkeit. Nein, es geht um mehr. Wer in einen Linienbus oder eine Straßenbahn steigt, fährt nicht einfach nur von A nach B: Jede Entscheidung zugunsten des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) ist ein kleiner, aber wirkungsvoller Beitrag zum Klimaschutz. Dass wir beim Schutz unseres Planeten noch erhebliches Steigerungspotenzial haben, dürfte unstrittig sein. Ich will nur ein paar Zahlen streifen, um das zu untermauern: Eigentlich möchten wir in Deutschland unsere Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um 65 % gegenüber 1990 reduzieren. Tatsächlich haben wir sie bis dato aber nur um etwa 46 % zurückgefahren.

Busfahren ist Klimaschutz

Deutschland muss also in den nächsten fünf Jahren umgerechnet weit mehr als 200 Millionen Tonnen Treibhausgase zusätzlich einsparen. Neben Industrie und Wirtschaft steht dabei vor allem der Verkehrssektor im Fokus. Etwa ein Fünftel aller Emissionen entfiel 2024 auf diesen Bereich. Und an dieser Stelle kommt der eingangs erwähnte ÖPNV ins Spiel.

Busse und Bahnen verursachen im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr deutlich weniger Emissionen, verbrauchen weniger Fläche und sind effizienter im Energieeinsatz. Besonders in Großstädten wie Dortmund, in denen der Platz gerade in der City äußerst knapp bemessen ist und tagtäglich viele zigtausend Menschen mobil sein möchten, muss der ÖPNV ein zentraler Baustein der Verkehrswende sein und eine Schlüsselrolle beim Klimaschutz einnehmen.

Einfach und attraktiv

Wie können noch mehr Autofahrende zum Umstieg bewogen werden? Einfachheit und Attraktivität sind dabei wichtige Schlagworte und das Deutschlandticket spielt eine große Rolle. Damit ist der Politik und der Verkehrsbranche ein großer Wurf gelungen: Auf einen Schlag ist das Fahren mit Bus und Bahn viel einfacher und günstiger geworden. 13,5 Millionen Menschen in Deutschland haben dieses Ticket in der Tasche. Sie brauchen sich keine Gedanken mehr über Tarife machen – ganz gleich, ob sie in ihrer Heimatstadt oder im Urlaub in den Bus steigen. So einfach und attraktiv war ÖPNV noch nie. In Dortmund haben wir mehr als 170.000 Abonnent*innen – in einer Stadt mit rund 600.000 Einwohnenden. Und es ist ja nicht das Einzige, was im Bereich Ticketing passiert ist: Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr etwa hat sich vom Spirit des Deutschlandtickets inspirieren lassen und 2025 eine beherzte Tarifreform durchgesetzt. Dabei wurde das Sortiment durchlüftet und um 75 % ausgedünnt.

eezy-Tarif für Gelegenheitsfahrer

Neben dem Deutschlandticket für Vielfahrende kristallisiert sich der E-Tarif „eezy.nrw“, bei dem der Preis auf Basis der gefahrenen Luftlinienkilometer berechnet wird, als zentrale Option für Gelegenheitsfahrende heraus. Damit wird das Smartphone zum Ticket und wir kommen auch bei der Digitalisierung einen Schritt weiter. Natürlich braucht es darüber hinaus weitere Reformen – an denen längst gearbeitet wird.

Beim Ticketing jedenfalls hat die Branche zuletzt abgeliefert. Das kann man von der Politik nur in Teilen sagen. Das Deutschlandticket verursacht erhebliche Mindereinnahmen, die von der Politik ausgeglichen werden müssen. Entsprechende Finanzierungszusagen gab es bislang nur im 1-Jahres-Rhythmus. Planungssicherheit: Fehlanzeige! Mit den jüngsten Entscheidungen der Verkehrsministerkonferenz, die einen Rahmen bis 2030 definiert hat, ist aber ein erster bedeutender Schritt getan.

Herausforderung Elektromobilität

Dass Busse und Bahnen im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr weniger Schadstoffe ausstoßen, hatte ich erwähnt. Dabei macht es aber noch einen Unterschied, ob wir über moderne Dieselbusse oder Elektrobusse sprechen. Letztere sind nicht nur komplett emissionsfrei, sondern auch geräuschlos unterwegs. Das zahlt also doppelt auf die Lebensqualität der Menschen ein. 30 „StromFahrer“ rollen durch die Dortmunder Straßen. Sie sind beliebt bei Jung und Alt. Gern hätten wir längst weitere Teile unserer Busflotte, die etwa 190 eigene Fahrzeuge und 110 Fahrzeuge von Partnerunternehmen umfasst, elektrifiziert. Aber auch an dieser Stelle müssen wir übers Geld sprechen. Ein Elektrobus ist beinahe mehr als doppelt so teuer wie sein Dieselpendant. Zudem ist Ladeinfrastruktur notwendig. Und weil E-Busse kürzere Reichweiten haben, reicht ein 1:1-Austausch nicht aus, um die gleiche Laufleistung auf die Straße zu bringen. Das Gelingen der sogenannten Antriebswende ist daher untrennbar mit einer auskömmlichen Förderkulisse verknüpft. Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass die Bundesregierung ab 2027 wieder zusätzliche Mittel in Höhe von 350 Millionen Euro bereitstellt – nach dem zu Recht kritisierten Förderstopp.

Herausforderung Personalgewinnung

Was wir dabei auch nicht außer Acht lassen dürfen: Rund 100.000 Bus-fahrer*innen und etwa 40.000 Trieb-fahrzeugführer*innen halten unser Verkehrssystem am Laufen. Nun scheiden aber allein bis 2030 jährlich etwa 6.000 Fahrdienst-Mitarbeitende aus dem Berufsleben aus. Das müssen wir abfedern – in Zeiten eines grassierenden Arbeitskräftemangels. Insofern sind wir als Verkehrsunternehmen auch mit der Herausforderung der Personal-gewinnung und -bindung konfrontiert.

Wie bei allen komplexen Problemstellungen gibt es auch hier keine simplen Lösungen. Wir müssen an vielen Stellschrauben drehen. Als Verkehrsunternehmen etwa müssen wir gezielt Menschen ansprechen, die aus anderen Berufen kommen. Dafür braucht es Infos und Schulungsangebote. Außerdem leidet unsere Branche unter dem – wie ich finde oberflächlichen – Eindruck schlechter Arbeitszeiten, geringer Wertschätzung und niedriger Bezahlung. Da ist viel Image-Arbeit nötig, um deutlich zu machen, wie gut Arbeitszeitmodelle als auch Bezahlung im Vergleich zu vielen anderen Branchen sind. So liegt etwa das Grundgehalt im Fahrdienst bei mehr als 3.000 Euro im Monat – hinzu kommen diverse Zulagen.

Das liebe Geld

Wenn Sie bis hierhin aufmerksam gelesen haben, ist es Ihnen nicht verborgen geblieben, dass wir viele Herausforderungen parallel zu bewältigen haben und sich die Finanzen wie ein roter Faden durch diesen Beitrag ziehen. Dabei habe ich die aufwändige Instandhaltung un-serer in die Jahre gekommenen Gleis- und Stellwerksinfrastruktur noch gar nicht angeschnitten.

Auch beim beherzten Ausbau unserer Bus- und Stadtbahnangebote – unabdingbar für eine erfolgreiche Verkehrswende – ist das Geld der Kernpunkt. Und das gilt gerade in Zeiten kontinuierlicher Preissteigerungen und klammer Kassen in den Kommunen. Wenn wir noch mehr Leistung auf die Straße und die Schiene bringen wollen, um den Klimaschutz spürbar nach vorn zu tragen, müssen nun die Weichen gestellt werden.

Wir als Branche, namentlich der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, haben über die Leistungskosten im ÖPNV 2024 bis 2040 einen detaillierten Transformationsfahrplan mit zwei Szena-rien vorgelegt: Das sogenannte Modernisierungsszenario, das einen finanziellen Mehrbedarf von 1,44 Milliarden Euro im Jahr vorsieht, sichert und verbessert vorrangig den Status quo. Dahingegen umfasst das Deutschlandangebot einen flächendeckenden Ausbau, dichtere Taktungen und eine insgesamt bessere Erschließung – bei Mehrkosten von 3,36 Milliarden Euro im Jahr. Jetzt ist die Politik am Zug.

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