Corporate Governance Ein Thema des Mittelstands

Interview: Arno Abs und Dr. Matthias Johnen

Der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) liegt seit dem Frühjahr in einer aktualisierten Version vor. Er wurde 2002 geschaffen, um das Vertrauen der nationalen und internationalen Anleger, der Kunden, der Mitarbeiter und der Öffentlichkeit in die Leitung und Überwachung deutscher börsennotierter Gesellschaften zu fördern. Der „Ehrbare Kaufmann“, wie immer noch in der Präambel aufgeführt, galt lange Jahre als Symbol für verantwortliches und nachhaltiges Handeln. Dies gilt für viele mittelständische Unternehmen noch heute. Arno Abs und Dr. Mathias Johnen erklären, warum es für den Mittelstand durchaus Sinn machen kann, sich mit dem Kodex auseinanderzusetzen und sich selbst  ähnliche Regeln zu geben.

Was ist der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) und welchen Sinn hat er?

Der DCGK konkretisiert die Bestimmungen im Aktiengesetz zur Arbeit von Vorstand und Aufsichtsrat im Rahmen ihrer Unternehmensführung. Konkret geht es um die Umsetzung von Chancen- und Risikomanagement sowie die Regeleinhaltung (Compliance). Im DCGK werden verbindliche Empfehlungen und Anregungen (Standards) im Sinne von Best Practices gegeben. Einhaltung und  Abweichungen vom DCGK müssen in der Berichterstattung durch den Vorstand und Aufsichtsrat erläutert werden. Der DCGK trägt dem Interesse von Investoren an einer hohen Transparenz in der Unternehmensführung für ihre Anlageentscheidung Rechnung. Er stellt ein Instrument zurSelbstregulierung börsennotierter Aktiengesellschaften in Deutschland dar.

Die Kritik am DCGK seitens der Unternehmen, Investoren und Juristen ist vielfältig. Dies hat dazu geführt, dass die Regierungskommission DCGK, die für dessen Fortentwicklung verantwortlich ist, ihre 16. Konferenz; im Juni 2017 in Berlin unter die Überschrift „Standortbestimmung: Deutsche Corporate Governance im internationalen Vergleich“ gestellt hat. Nach den Vorstellungen der Regierungskommission soll die nächste Überarbeitung weg vom deutschen Aktienrecht hin zu international anerkannten Standards für gute und verantwortungsvolles Unternehmensmanagement führen, um sich von den vielfach nur rechtlich getriebenen Anpassungsnotwendigkeiten des DCGK in der Vergangenheit zu entkoppeln.

Börsennotierte Unternehmen haben eine stärkere Publizitätspflicht. Warum sollte der Mittelstand sich damit beschäftigen?

Den Nutzen guter Corporate Governance fasste der Vorsitzende der Regierungskommission in Berlin in seiner Begrüßung zusammen: „Niemand zweifelt am Nutzen einer guten Corporate Governance. Was zur Beförderung der Urteilskraft, zu Check and Balances, zu adäquaten Anreizmechanismen, zu verantwortlichem Handeln und zu einer angemessenen Transparenz beiträgt, reduziert das Risiko von Fehlentwicklungen in den Unternehmen und befördert das Vertrauen der Investoren und der Öffentlichkeit in das Handeln von Vorstand und Aufsichtsrat. Das Vertrauen der Investoren wirkt sich positiv auf die Aktienbewertung aus. Darüber hinaus fördert gute Unternehmensführung das Vertrauen der Öffentlichkeit und diese stärkt den Rückhalt der Unternehmen in der Gesellschaft.“

Jeder dieser Punkte lässt sich auf die mittelständischen Unternehmen und deren Führung übertragen. Vertrauen von Kunden, Arbeitnehmern, Lieferanten und Finanzierungspartner wie auch der Gesellschafter, die nicht in der Geschäftsführung die Geschicke des Unternehmens leiten, sind neben einem wettbewerbsfähigen Produkt oder einer nachgefragten Dienstleistung die wesentliche Geschäftsgrundlage mittelständischer Unternehmen. Die Basis für dieses Vertrauen ist ein professionelles Chancen- und Risikomanagement, angemessene Transparenz in der Geschäftsentwicklung und ein fairer Umgang im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften, getroffenen Vereinbarungen und gegebenen Zusagen.

Für wen oder für welche Art von Unternehmen macht es Sinn, ein eigenes Programm aufzusetzen?

Jeder Unternehmer und jedes Unternehmen benötigt und hat – bewusst oder unbewusst und unabhängig von der Unternehmensgröße – seine Corporate Governance. Häufig folgt der Unternehmer auch heute noch dem Leitbild eines ehrbaren Kaufmanns, das das Vertrauen anderer rechtfertigen soll. Sich für ein Programm zur Stärkung einer guten Corporate Governance seines Unternehmens zu entscheiden, bedeutet in einem systematischen Ansatz zunächst eine Ist-Aufnahme und Schwachstellenanalyse durchzuführen: Wie erfolgt die Entwicklung und Überwachung der Unternehmensstrategie? Wie werden die Unternehmensfunktionen im Bereich von Risikomanagement, Compliance, Controlling, Information und Kommunikation oder auch Personalentwicklung wahrgenommen? Aus der Analyse lassen sich unter Beachtung von Kosten und Nutzen wirkungsvolle Maßnahmen zur Verbesserung der unternehmensindividuellen Corporate Governance ableiten. Gute Corporate Governance und die Verbesserung der dazu notwendigen Managementsysteme ist unseres Erachtens eine permanente Aufgabe der Unternehmen, insbesondere auch der kleineren und mittleren Unternehmen in ihrem dynamischen Umfeld.

Wie kann ein Unternehmen ein integriertes Governance-, Risk-, Compliance-Management aufsetzen? Was braucht es dazu?

Ein integriertes Governance-, Risk- & Compliance-Management (GRC-Management)  heißt die Führungs- und Kontrollmechanismen unter den Gesichtspunkten von Effektivität und Effizienz mit den Prozessen des Unternehmens zu vernetzen.Der Ansatz beruht auf der Erfahrung, dass die Führungs- und Kontrollmechanismen der genannten  Managementsysteme nicht immer über das ganze Unternehmen gut vernetzt organisiert sind, sondern mehr oder weniger auch neben den Leistungsprozessen stehen können. Vielleicht sogar organisatorisch ein Inseldasein fristen. Dies führt häufig dazu, dass sich ethische Grundsätze und Werte und der seitens der Unternehmensführung gewollte Umgang mit Risiken im Unternehmen nicht durchsetzen. Ein integriertes GRC-Management muss unternehmensindividuell geleistet werden. Es bedarf  einer stetigen Information und Kommunikation in Bezug auf die GRC-Ziele und eines Rückkopplungsprozesses zur permanenten Optimierung. Hierzu sind regelmäßig der Einsatz von Informationstechnologie und häufig eine homogene Infrastruktur notwendig

Gehört der „Ehrbare Kaufmann“ der Vergangenheit an?

Der Begriff des „Ehrbaren Kaufmanns“ klingt im digitalen Zeitalter antiquiert. Dennoch vertrauen Kunden, Arbeitnehmer und Lieferanten wie auch Investoren weiter auf die Einhaltung der Prinzipien und Werte, die sich mit dem Begriff verbinden, insbesondere auf die Integrität des Geschäftspartners als wesentlicher Teil der Geschäftsgrundlage. Insoweit: Nein, im Gegenteil!

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