Wenn die Digitalisierung das Erben schwer macht

 

Die Digitalisierung stellt einen wichtigen und stetig wachsenden Prozess in jedem Unternehmen dar. Für diesen Prozess gibt es keinen standardisierten Ablauf. Vielmehr integriert jedes Unternehmen Digitalisierungsmaßnahmen auf eigene Art und Weise und in einem individuell festgelegten Zeitraum. Für einige Betriebe stehen Produktionsmaßnahmen im Vordergrund, die modernisiert und vereinfacht werden sollen und für andere Betriebe eher Maßnahmen zur Verbesserung der internen Kommunikation mittels einer Software, während wieder andere den Fokus auf papierloses Arbeiten setzen und damit ein verbessertes Umweltbewusstsein schaffen. Der Digitalisierungsprozess rückt oftmals in den Mittelpunkt, wenn ein Unternehmen an einen Nachfolger übergeben wird, beispielsweise im Rahmen der Erbfolge. Denn in vielen Fällen übernimmt ein Nachfolger der jüngeren Generation den Betrieb, der möglicherweise auch eine größere Technikaffinität besitzt und Unternehmensabläufe nach individuellem Gestalten verändern und optimieren möchte.

Erbschaftsteuerliche Begünstigungen nur bei stabiler Lohnsumme

Mit dem Digitalisierungsprozess geht allerdings ein grundlegendes Problem einher. Denn durch die automatisierten Prozesse, fallen in nahezu allen Unternehmen Arbeitsplätze weg – gerade im Bereich der Produktion. Das IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) geht sogar davon aus, dass allein 65 % der fertigungstechnischen Berufe durch die Digitalisierung entfallen. Bei einer Nachfolge ist ein ganz klarer Vorteil für den Junior, dass er niedrigere Personalkosten hat.

Gleichzeitig muss er – wenn er die Nachfolge antritt – gewisse Bedingungen erfüllen, um Steuervergünstigungen im Rahmen des Erbschaftsteuergesetzes zu bekommen. Hier ist eine Voraussetzung, dass die Lohnsumme im Unternehmen – also der Bruttobetrag der bezahlten Gehälter des Personals – über fünf Jahre stabil bleibt. Der Betrieb kann zu 85 % von der Steuer befreit werden und somit eine sogenannte Regelverschonung bekommen, wenn er fünf Jahre fortgeführt wird und ein Nachweis erbracht wird, dass die Lohnsumme in diesen fünf Jahren einen gewissen Prozentsatz der Ausgangslohnsumme nicht unterschreitet. Die Ausgangslohnsumme entspricht der durchschnittlichen Lohnsumme der letzten fünf Jahre vor der Nachfolge. Daraus wird eine Mindestlohnsumme ermittelt, die am Ende der Frist erreicht werden muss.

Für den Nachfolger ist es sogar möglich, zu 100 % von der Steuer befreit zu werden, wenn die sogenannte Optionsverschonung eintritt. Hierbei muss der Erwerber die Bedingung erfüllen, den Betrieb für mindestens sieben Jahre fortzuführen und nicht zu verkaufen. Außerdem müssen für unterschiedlich große Betriebe diese Anforderungen beachtet werden:

Infokasten: Mitarbeiteranzahl ist bei Verschonungsregelungen entscheidend

 

1-5 Beschäftigte6-10 Beschäftigte11-15 BeschäftigteMehr als 15 Beschäftigte

 

Ausnahme:

 

Betriebe mit maximal fünf Mitarbeitern werden von der Lohnsummenregelung ausgenommen.

 

Regelverschonung:

Nachfolger muss das Unternehmen fünf Jahre fortführen. Mindestlohnsumme von 250 % der Ausgangslohnsumme muss erreicht werden.

 

Regelverschonung:

Nachfolger muss das Unternehmen fünf Jahre fortführen. Mindestlohnsumme von 300 % der Ausgangslohnsumme muss erreicht werden.

 

Regelverschonung:

Nachfolger muss das Unternehmen fünf Jahre fortführen. Mindestlohnsumme von 400 % der Ausgangslohnsumme muss erreicht werden.

Optionsverschonung:

Betrieb muss sieben Jahre fortgeführt werden. Mindestlohnsumme von 500 % der Ausgangslohnsumme muss erreicht werden.

Optionsverschonung:

Betrieb muss sieben Jahre fortgeführt werden. Mindestlohnsumme von 565 % der Ausgangslohnsumme muss erreicht werden.

Optionsverschonung:

Betrieb muss sieben Jahre fortgeführt werden. Mindestlohnsumme von 700 % der Ausgangslohnsumme muss erreicht werden.

 

In jedem dieser Fälle gilt: Sobald die Mindestlohnsumme nicht erreicht wird, muss die Erbschaftsteuer anteilig abgezogen werden. Bei Betrieben, die einen Wert über 26 Millionen Euro haben, wird eine Verschonungsbedarfsprüfung eingerichtet. Diese Regelungen gehen zurück auf das Gesetz zur Anpassung des Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetzes, dem der Bundesrat am 14. Oktober 2016 zugestimmt hat. Mithilfe dieses Gesetzes will der Gesetzgeber den Erhalt der Arbeitsplätze sichern, da ansonsten der Betrieb auch ohne jegliche Nachteile veräußert werden könnte. Das wiederum kann für Unternehmen zu einer Herausforderung werden, wenn in einer Krisensituation die Unternehmensleitung dazu gezwungen ist, Personal abzubauen. Denn damit riskiert sie gleichzeitig den Wegfall der steuerlichen Begünstigung.

Übrigens: Azubis, Saisonarbeiter, Langzeiterkrankte sowie Beschäftigte in Mutterschutz oder Elternzeit werden weder zur Beschäftigtenzahl noch zu der Lohnsumme dazu gerechnet.

Fazit

Für den Nachfolger bedeutet das, dass durch neu eingeführte Digitalisierungsmaßnahmen kaum Arbeitsplätze wegfallen dürfen, da erbschaftsteuerliche Begünstigungen sonst rückwirkend entfallen. Für ihn besteht nun die Aufgabe, einen individuellen Weg zu finden, entsprechende Maßnahmen in den Betrieb zu integrieren beziehungsweise Mitarbeiter schrittweise erst nach fünf oder sieben Jahren durch moderne Software zu ersetzen.

Klaus Altendorf

Wirtschaftsprüfer, Steuerberater

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Dr. Andreas Rohde

Rechtsanwalt, Fachanwalt für Steuerrecht, Steuerberater

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